Alltagsgeräusche, Musik, Stimmen – Klänge umgeben uns, wir sind von ihnen eingehüllt, wir können „die Ohren nicht verschließen“. Aber hören wir bewusst? In dieser Sendung möchten wir euch für den auditiven Sinn sensibilisieren und ForscherInnen vorstellen, die Wirkungen und Bedeutungen von Klängen auf Menschen nachspüren.

Wie wirkt sich unsere Klangumwelt auf uns und unsere Kultur aus? Der Erforschung dieser Frage widmet sich eine relativ junge Disziplin innerhalb der Ethnologie – die auditive Anthropologie. Wir haben den Klanganthropologen Panos Panopoulos von der Universität Agean, Mytilini Griechenland gebeten, uns eines der zentralen Konzepte dieser Forschung näher zu erläutern: die Akustemologie.

einführende Literatur:

Steven Feld and Donald Brenneis 2004. Doing Anthropology in Sound . In American Ethnologist, 31(4): 461-474.

Samuels, David W.; Meintjes, Louise, Ochoa, Ana Maria and Thomas Porcello 2010. Soundscapes: Toward a Sounded Anthropology . In Annu. Rev. Anthropol. 39: 329–45.

Feld, Steven 1987. Dialogic Editing: Interpreting How Kaluli Read Sound and Sentiment. In Cultural Anthropology 2(2): 190-210.


Vortragsreihe KLANG – DAS ETHNOLOGISCHE ECHO

Oktober 2012 – Januar 2013
Mittwochs 19-21 Uhr

GRASSI MUSEUM FÜR VÖLKERKUNDE ZU LEIPZIG

Die Vortragsreihe KLANG – DAS ETHNOLOGSICHE ECHO möchte für den auditiven Sinn sensibilisieren und Wirkungen und Bedeutungen von Klängen auf Menschen nachspüren: Welche Bedeutungen schreiben Menschen den Klängen ihrer Umwelt zu? Welche Klänge produzieren sie, um ihre Gesellschaft zu gestalten? Wie wirkt Klang auf den Körper und die Psyche? Mit welchen Methoden kann man Rückschlüsse auf die auditive Weltwahrnehmung von Menschen ziehen? Und wie können wir diese Bedeutungssysteme durch Klang abbilden? Diese und andere Aspekte sollen im diesjährigen Kolloquium beleuchtet werden.

Termin Inhalt ReferentIn
10.10. 15-17 Uhr Soundwalk durch die drei Museen im Grassi GRASSI Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, GRASSI Museum für Angewandte Kunst
10.10. 19-21 Uhr Auge gegen Ohr? Auditive Anthropologie als neuer Weg zum Verstehen der kulturellen Differenz zwischen Europa und Amazonien Dr. Matthias Lewy (Musikethnologie | FU Berlin)
Einführung von Dr. Claus Deimel (Direktor Staatliche Ethnographische Sammlungen)
24.10. 19-21 Uhr Australien: Die ältesten Klänge der Menschheit Dr. Birgit Scheps-Bretschneider (GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig)Erik Knäschke (Freischaffender Musiker)
7.11. 19-21 Uhr Sounds of Dangerous Places What can we learn of dangerous places by listening to their sounds? Peter Cusack (Senior Lecturer Soud Arts&Design, University of Arts London)

Sounds from dangerous places

Sound Data Base

28.11. 19-22 Uhr

The Sounding Museum: Listening to Culture

Der Klangraum im NONAM und die Namgis von Alert Bay.

Hein Schoer
(Fontys School of the Arts | Maastricht University)

Two Weeks in Alert Bay | Hein Schoer

12.1. 19-21 Uhr

Klangbrüche-Klangkontinuitäten

Sounds und Postsozialismus in Albanien“

Eckehard Pistrick
(Centre de Recherche en Ethnomusicologie, Paris/Martin-Luther-Universität Halle)
9.1. 19-21 Uhr Wesen in Schall und Rauch: magische Gesänge in Westamazonien (Peru) Bernd Brabec de Mori
(Musikethnologe Karl Franzens-Universität Graz)
16.1. 19-21 Uhr Performing Noh Theater: The Appeal of the Traditional Arts to Senior Citizens in Contemporary Japan Dr. Katrina Moore(University of New South Wales Syndey
23.1. 19-21 Uhr Körper, Trance und Klang In den afroamerikanischen Religionen Dr. Elisabeth Thiele(Ethnologie | Universität Leipzig)
30.1. 19-21 Uhr Klang den Ethnographien Ein Ethnologisches Hörstück Akustische Inszenierung Anja Kleinmichel | Lutz EitelWeltempfänger (Ethnologisches Radio)

Kommt ein Ethnologe an den Ort, an dem er seine Feldforschungen beginnen will, ist das erste was ihm begegnet die Stimmung. Auf diese Stimmung spricht er an, die Stimmung leitet ihn über die gesamte Zeit seiner Forschung und beeinflusst im beträchtlichen Maße sein Interesse und seine Empfindungen. Stimmung wird über Sinneswahrnehmungen erfahren, durch Geräusche, Gerüche, durch Wärme und Kälte oder durch das was unser Auge sieht. Obwohl am Beginn der ethnologischen Betätigung in Leipzig durch das Werk des Leipziger Ökonomen und Rektors der Leipziger Universität Karl Bücher „Arbeit und Rhythmus“ auch dem Hörsinn und dem Klang Bedeutung zugeschrieben wurde, spielte das Auge in der Ethnologie der letzten 200 Jahre eine herausragende Rolle.

Klänge umgeben uns, wir sind von ihnen eingehüllt, wir können „die Ohren nicht verschließen“, und trotzdem hat sich Ethnologie außerhalb eines kleinen Kreises der Klang- und Musikanthropologen bisher kaum mit dem Hören auseinandergesetzt. Dabei bietet die Analyse der Klangumwelt und deren Reflexion seitens uns fremder Kulturen interessante Zugänge zu den Weltanschauungen von Gruppen. Diese Forschungen sind besonders fruchtbar bei jenen Gruppen, die ihre Umwelt verstärkt über Höreindrücke wahrnehmen und über Klänge reflektieren. So orientieren sich z.B. Menschen im Regenwald über Geräusche. Mit der Untersuchung derlei Phänomene kann die Klanganthropologie unsere Wahrnehmung von Raum neu denken.

Klänge übermitteln Bedeutung, und können als Bedeutungssystem ebenso untersucht werden wie andere symbolische Systeme. Hierfür haben die Klanganthropologie und in ihr vor allem die soundscape studies in ihrer transdisziplinären Ausrichtung wertvolle methodische Ansätze entwickelt, die auch für die Ethnologie fruchtbar gemacht werden können. Soundscape Forscher suchen in Klanglandschaften nach den für eine Gruppe und ihre Umwelt charakteristischen Klängen. Durch Auswahl und Komposition der Aufnahmen verdichten sie klangliche Bedeutungssysteme und bilden sie wiederum in einem Klangraum ab. Somit sind soundscapes nicht nur dokumentarische Aufnahmen aus dem Feld, sondern können auch als ethnologische Beschreibungen des Feldes dienen. Anstelle von verschriftlichten Monographien über Gruppen werden hörbare Klanglandschaften erstellt. Steve Feld nennt dies „Doing Anthropology in sound“, und schlägt einen neuen Umgang mit Klanglandschaften vor, um sie sinnlich erfahrbar zu machen. Über die Vorteile von klanglichen Abbildungen seiner Forschung bei den Kaluli im Regenwald von Papua Neuguinea sagt er „ Wenn du hörst, wie sich die Vögel im Regenwald übertönen, und du verstehst, wie sich im Regenwald die Töne verdichten, erfährst du auch etwas von Dingen auf der sinnlichen Ebene, die sich nur schwer in Worte fassen lassen“ deshalb fordert Feld eine Erweiterung der Repräsentationsmethoden, um dem Klang als symbolischen System gerecht zu werden. Dafür erarbeiteten die Klanganthropologen Methoden der Repräsentation von Kulturen, mit denen sich auch die Lehre in den Ethnologischen Instituten in Zukunft beschäftigen müssen. Denn oftmals stößt die Beschreibung von Klang mit den Mitteln der schriftlichen Sprache an ihre Grenzen, da sie auditive Eindrücke in ein visuelles Repräsentationssystem zu überführen versucht. Ebenso sind Terminologien wie „Musik“, „Geräusch“ und „Spreche“ für die Einteilung von Klang nicht auf alle Kulturen übertragbar. Nicht in allen Kulturen wird die Trennung zwischen Natur und Kultur und damit zwischen „natürlichen“ und „künstlichen“ Klängen vorgenommen. Vielmehr überlagern sich Konzeptionen von Klang, ihre Bedeutungen und ergeben so ganz neue Felder und Möglichkeiten der sinnlichen Erfahrung und Interpretation.

Klanganthropologie beschäftigt sich mit methodischen Fragen, die in den Kunst-, Kultur und Sozialwissenschaften auch in neue Berufsfelder führen können. Hier eröffnet die Hinzuziehung neuer Medien die Möglichkeit, Kulturen im Radio oder Internet zu präsentieren. Die Klangforschung bietet auch über die Geisteswissenschaften hinaus interessante Anwendungsfelder. So führen die Erkenntnisse der akustischen Ökologie über Lärm zur Sensibilisierung von Zivilisationskrankheiten, die praktisch behandelbar sind. Klanganalysen helfen in der Stadtplanung und Architektur den Lebensraum nach menschlichen Bedürfnissen zu gestalten. Soundesign lässt sich auch in der marktwirtschaftlichen Produktplatzierung einsetzen. Dabei bleiben die Anwendungsfelder und die Macht des Klangs kritisch zu diskutieren.

Programm
Das Programm des ethnologischen Echos versucht die Welt der Klänge von vielen theoretischen und praktischen Ansätzen her zu beleuchten. Referenten werden musikethnologische Ansätze, geräuschökologische Überlegungen, rituelle Praxen, ethnomedizinische Gesänge, künstlerische Verarbeitung und online-journalistische Darstellung von Klängen darlegen.] Am Ende wird als Höhepunkt der Ringvorlesung ein ethnologisches Hörspiel live präsentiert werden, in der auch die Kinoorgel des Grassimuseums zur Anwendung kommen soll. Ziel der gesamten Veranstaltung ist es, über ein halbes Jahr dem Auditorium eine Polyphonie innerhalb der Beschäftigung mit dem Klang zu präsentieren, das ihr Hören und ihr Wissen vom Klang erweitern wird.

Um sich diesem weitläufigen Bedeutungsfeld des Klangs zu nähern, möchte das Kolloqium KLANG im Grassi Museum mit Klang spielen, sowohl im konkreten als auch im übertragenen Sinn. Im Rahmenprogramm des Kolloquiums werden als gemeinsame Hörerfahrung soundwalks durch Leipzig angeboten, Filme über den Klang an ungewöhnlichen Orten präsentiert, und durch die Live Produktion eines Hörspiel mit Musik, ethnographischen soundscapes und der Vertonung ethnographischer Texte abgerundet.
Die Vortragsreihe KLANG – DAS ETHNOLOGISCHE ECHO möchte für den auditiven Sinn sensibilisieren und Wirkungen und Bedeutungen von Klängen auf Menschen nachspüren: Welche Bedeutungen schreiben Menschen den Klängen ihrer Umwelt zu? Welche Klänge produzieren sie, um ihre Gesellschaft zu gestalten? Wie wirkt Klang auf den Körper und die Psyche? Mit welchen Methoden kann man Rückschlüsse auf die auditive Weltwahrnehmung von Menschen ziehen? Und wie können wir diese Bedeutungssysteme durch Klang abbilden? Diese und andere Aspekte sollen im diesjährigen Kolloquium beleuchtet werden.


Klangsammlungen

Der Soundjournalist und Klangkünstler Peter Cusack sprach im Rahmen des Kolloquiums Klang über Sonic Journalism und die Sounds from dangerous places:

Sounds from Dangerous Places asks

“What can we learn of dangerous places by listening to their sounds?”
Recent travels have brought me into contact with some difficult and potentially dangerous places. Most are areas of major environmental/ecological damage, but others are nuclear sites or the edges of military zones. The danger is not necessarily to a short-term visitor, but to the people of the area who have no option to leave or through the location’s role in geopolitical power structures. Dangerous places can be both sonically and visually compelling, even beautiful and atmospheric. There is, often, an extreme dichotomy between an aesthetic response and knowledge of the ‘danger’, whether it is pollution, social injustice, military or geopolitical. Places visited include the Chernobyl Exclusion Zone, the Caspian Oil Fields, Azerbaijan and various nuclear or military sites in the UK. Field recordings, photographs, conversations, scientific and other information were collected at the sites.
Sounds from Dangerous Places explores the practice of sonic–journalism – the audio equivalent of photo–journalism. Sonic journalism is based on the idea that valuable information about places and events is revealed through their sounds and that careful listening will give insights different from, but complimentary to, visual images and language.