Das 8. Ethnosymposium – ein Rückblick

Mitte April fand das nunmehr 8. Symposium der Studierenden der Ethnologie im deutschsprachigen Raum statt, diesmal am Institut für Ethnologie in Leipzig.  Einer der Teilnehmenden und auch Organisierenden ist Christian. Im Interview mit ihm werfen wir einen kurzen Blick zurück auf die drei Tage intensiven Austausches zwischen Studierenden der Ethnologie über gezeigte und verborgene Kulturen.

Programm des 8.Ethno-Symposiums „Gezeigte und verborgene Kultur“

Die präsentierten Vorträge boten Anlass für kontroverse Diskussionen. Hier sei nur die Kontroverse um den Begriff Zigeuner im wissenschaftlichen Diskurs angeführt. Dieser Begriff wird am Leipziger Forum für Tsiganologische Forschung verwandt. Werfen wir einen Blick auf deren Begriffsverständnis:

Unsere Begrifflichkeiten
In Deutschland und Europa ist die adäquate Bezeichnung der Roma/Zigeuner umstritten – dies zeigt nicht zuletzt die aktuelle Debatte um das Berliner Mahnmal. Viele Roma/Zigeuner empfinden den Begriff „Zigeuner“ (über dessen ethymologische Herkunft nur spekuliert werden kann) als beleidigend und propagieren stattdessen „Roma“ als nichtdiskriminierende Bezeichnung (im Romani bedeutet „rom“ übersetzt „Mensch“). Auf der anderen Seite plädieren jedoch andere Roma/Zigeuner für die Beibehaltung der Fremdbezeichnung, da sie den Begriff „Roma“ als diskriminierend empfinden. Sie argumentieren, dass das Ethnonym einer großen Untergruppe (Roma, die vor allem im 19. Jh. aus Südosteuropa nach Westeuropa und Amerika migriert sind) als Allgemeinbezeichnung generalisiert wird und damit andere Untergruppen (z.B. Sinti, Kalé, Ashkali) zurücksetzt.
Mit der offiziellen Nutzung des Begriffspaars „Roma/Zigeuner“ möchte das FTF demonstrieren, dass es sich wissenschaftlich differenziert mit der Frage der adäquaten Bezeichnung der heterogenen transethnischen Minderheit auseinandersetzt, im politischen Streit jedoch keine Stellung bezieht. Es bleibt den einzelnen Mitgliedern des FTFs überlassen, sich individuell für eine adäquate Bezeichnung zu entscheiden. Im konkreten Fall ist es sinnvoll, das genaue Ethnonym der jeweiligen Untergruppe (z.B. Kalderasch, Xoraxané, Manusch, Jat, Rom, aber auch schlicht Zigeuner) zu gebrauchen.
Forschungsansatz
Wir studieren Roma/Zigeuner nicht als ethnische Einheit, sondern beschäftigen uns unter dem Paradigma eines tsiganologischen Relationismus mit einer Vielzahl von Gruppen, die sich alle durch ein interaktives Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Umgebung auszeichnen. Als Minderheit sind sie immer dem Zugriff der Mehrheit (in der Romanisprache: den Gadje) ausgeliefert. Diese stereotypisiert „ihre Minderheiten“ und versucht sie entweder einzugliedern oder wenigstens zu disziplinieren. In der Geschichte dieser interethnischen Beziehung litten die Roma/Zigeuner oft unter Stigmatisierung und Diskriminierung, Rassismus und Verfolgung und auch heute haben viele Staaten große Mühen, der „weltbürgerlichen Praxis“ ihrer Roma/Zigeunerminderheiten die nötige Toleranz entgegenzubringen. Roma/Zigeuner entwickeln jedoch – und das macht sie international vergleichbar – immer auch eigene Strategien, mit denen sie auf die Mehrheit und ihre Grenzen reagieren.
In Übereinstimmung mit neueren ethnologischen Ansätzen in der Tsiganologie erkennen wir in den verschiedenen Roma/Zigeunerkulturen ethnische Gruppen, die stets Teil der Mehrheitsgesellschaft und gleichzeitig eigenständiger Teil einer Minderheitenkultur sind. Die Kulturen der Roma/Zigeuner und die der Gadje befinden sich in stetem Austausch und Roma/Zigeuner passen sich stets mehr oder weniger an die Mehrheitsgesellschaft an. Jedoch grenzen sie sich in bestimmten Bereichen, die sie für wichtig erachten, bewußt ab, um ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Gleichzeitig werden sie von den Gadje in anderen Bereichen ausgegrenzt. Die Roma/Zigeunerkulturen bilden somit ein kulturelles Netz der Verknüpfung und verbinden Bereiche, die innerhalb und außerhalb der Mehrheitskultur liegen (das Logo des FTF visualisiert diese Sichtweise). Die ethnischen Gruppen der Roma/Zigeuner definieren sich dadurch von innen wie von außen. Da in jedem Land und Staat andere Rahmenbedingungen für die ohnehin nicht homogenen Kulturentwürfe der Roma/Zigeuner herrschen, findet man auf der Welt wohl nur wenige „Völker“, die derart heterogen eine kulturelle Fülle entfalten wie die Roma/Zigeuner. […]Quelle: Forum für Tsiganologische Forschung
Advertisements